Jetzt schlägt der Staat zurück. Ein bisschen
zeit.de
Am Dienstagvormittag zückt die Polizei also ihr „großes Besteck“, wie Einsatzführer sagen. 500 Beamtinnen und Beamte rücken zur Razzia aus, allein in Berlin fahren an 14 Adressen die Mannschaftswagen vor, in Mitte, in Neukölln, in Treptow-Köpenick, in Kreuzberg. Im Reichenberger Kiez liegt eines der Hauptziele, das Kalabal!k, nach eigenen Angaben eine „anarchistische Bibliothek“. Für die Ermittler: ein Nest mutmaßlicher Schwerkrimineller.
Zwischen Büchern und politischen Pamphleten, so lautet der Verdacht, sollen sich hier öfter die Mitglieder einer Gruppe von Linksextremisten getroffen und abgesprochen haben. Vier Personen im Alter von 28, 31, 35 und 36 Jahren, zwei Frauen und zwei Männer. Am 9. September 2025 dann, das glauben die Ermittler zu wissen, waren sie es, die ein Feuer an zwei Strommasten in Berlin-Johannisthal legten, um die großen Unternehmen im nahen Technologiepark Adlershof zu treffen. Doch dabei blieb es nicht.
„Wir schlagen zurück“, kündigte der Bundesinnenminister an
Auch in 50.000 Privathaushalten gingen die Lichter aus, einige Wohnungen blieben zweieinhalb Tage lang dunkel. Der Schaden im Technologiepark soll sich auf 30 bis 70 Millionen Euro belaufen haben. Bald tauchte beim linken Szeneportal indymedia ein Bekennerschreiben auf, das sich wie folgt zusammenfassen lässt: Das kapitalistische System muss brennen, und wenn dabei Unbeteiligte zu Schaden kommen, ist das eben so.
Am 3. Januar folgte ein noch längerer Blackout, als eine Kabelbrücke im Südwesten Berlins brannte. Auch dahinter sollen Anarchisten gesteckt haben. Das Bundeskriminalamt setzte eine Belohnung von bis zu einer Million Euro für Hinweise aus. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) richtete danach eine Botschaft an die Linksextremisten: „Wir schlagen zurück.“
So soll auch die nun erfolgte Großrazzia verstanden werden. Mehrere mit den Ermittlungen vertraute Beamte sagten der ZEIT, man durchdringe die „enorm professionellen Netzwerke“ von gefährlichen Linksextremen, die sich nicht nur durch die Hauptstadt spannten, sondern quer durch die Republik. Auch in Hamburg, wo einer der Verdächtigen offenbar in die linke Szene fand, in Düsseldorf und in Brandenburg gab es am Dienstag Durchsuchungen.
Viele Spuren der Berliner Gruppe führen nach Bayern
Besonders viele Spuren führen demnach zu einer bereits berüchtigten anarchistischen Gruppe in Bayern, die das Magazin Zündlappen herausgab. Nach Recherchen der ZEIT wurde einer der Beschuldigten aus Berlin zuvor auch in Süddeutschland wegen politisch motivierter Brandanschläge beschuldigt, konnte aber bislang nicht belangt werden. Auch bei der nun erfolgten Großrazzia wurden keine Haftbefehle vollstreckt.
Der Sprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Berlin, Benjamin Jendro, hält es für sehr löblich, „was unser LKA da auf die Beine gestellt hat, um die heutigen Durchsuchungsbeschlüsse zu erwirken“. Gleichwohl bleibe es „unheimlich schwer“, Extremisten ihre mutmaßlichen Taten auch nachzuweisen. Kann es überhaupt gelingen?
Anarchisten benutzen Papierzettel und treffen sich im Wald
An der Fassade des Kalabal!k hängt ein Spruchband: „Der Görli bleibt auf“. Im Kampf für den Görlitzer Park steht praktisch die gesamte linke Szene solidarisch. Die Bibliothek wiederum ist offenbar ein Treffpunkt verschiedener Arten von Radikalen, besonders aber für sogenannte anarchistisch-primitivistische Gruppen, die jede staatliche Ordnung beseitigen wollen, damit die Menschen in einer Art Urzustand zusammenleben können.
Bereits im Herbst, nach dem ersten Blackout, begannen die Berliner Polizei und Generalstaatsanwaltschaft mit intensiven Ermittlungen. Einer der Durchsuchungsbeschlüsse stammt bereits aus dem Dezember. Auch der Bundesverfassungsschutz und sogar der Bundesnachrichtendienst sollen mit den Stromausfällen befasst sein, weil eine Beteiligung ausländischer Geheimdienste denkbar erschien.
Die Anarchisten machten aber offenbar wenig Fehler. Menschen aus dem Dunstkreis der Verdächtigen hätten schon damit gerechnet, dass sie observiert werden. Sie trafen sich scheinbar konspirativ „im Wald“, wie es in Berliner Polizeikreisen heißt, besprachen da aber gerade nichts Bemerkenswertes, sondern wollten wohl nur die Ermittler auf Trab halten.
Polizeigewerkschafter: „Bei Messengerdiensten sind wir meistens blind“
Zudem bemühten sich die mutmaßlichen Extremisten, kaum elektronische Spuren zu hinterlassen – da laufe „viel handschriftlich auf Papier“, manche Botschaften würden offenbar bald verbrannt. Und wenn sich die Anarchisten doch digitaler Hilfsmittel bedienten, so sagt es der Berliner Gewerkschafter Benjamin Jendro, fehlten die rechtlichen und technischen Mittel, um mitlesen zu können: „Bei Messengerdiensten sind wir meistens blind.“
Weil sich ihre Mitglieder genauso vorsichtig verhielten, scheiterten auch die Ermittler in Bayern an der Gruppe Zündlappen. Dort ereigneten sich seit 2019 rund 50 Brandanschläge auf die Infrastruktur. Bei dem mutmaßlichen Extremisten, der nun zu den Verdächtigen in dem Berliner Fall zählt, kam es bereits im April 2022 zu einer Hausdurchsuchung.
Aber die Indizien reichten nicht aus, um ihn auch vor Gericht zu bringen. Kürzlich wurde Anklage gegen einen anderen, 32 Jahre alten Beschuldigten erhoben, wegen drei mutmaßlicher Taten. Er hatte bereits bis Ende September in U-Haft gesessen, musste dann aber freigelassen werden. Zwischenzeitlich hielt er sich wohl ebenfalls in Berlin auf. Ob es diesmal zum Prozess kommt, ist noch offen.
Verteidiger legt Beschwerde gegen die Durchsuchung ein
Und die Mitglieder der sogenannten Vulkangruppe, die für den noch schwereren Blackout im Januar in Berlin verantwortlich gewesen sein soll, sind bislang offenbar nicht einmal identifiziert worden. Die Berliner Ermittler gehen davon aus, dass sich die Tätergruppen mindestens lose kennen. Aber sie wissen nicht, ob sie auch Know-how ausgetauscht haben könnten.
Ein Sprecher der Berliner Generalstaatsanwaltschaft sagte, bei der Durchsuchung am Dienstag seien Handy, Laptops und andere Datenträger sichergestellt worden. Diese würden nun ausgewertet, auf mögliche Beweismittel durchsucht.
Der Verteidiger einer der vier Beschuldigten sagte der ZEIT, er zweifle allerdings an, dass alle rechtsstaatlichen Standards eingehalten worden seien. Er habe „aus fadenscheinigen Gründen“ erst nach Stunden mit seiner Mandantin sprechen dürfen.
Auf ihn wirke es so, als wollte der Staat nur Härte demonstrieren, um jeden Preis. Er habe bereits eine Beschwerde eingelegt.
passiert am 24.03.2026